Wanderung-

Hornstrandir Island 2005

Ein sehr persönlicher Reisebericht  von Fritz Sajda

 

31.07.  Kuppingen - Reykjavik

Zugfahrt nach F/M und von dort  Flug nach Kevlavik. Nach Reykjavik kommt man mit dem Flughafenbus. Vom Busbahnhof  weiter  per  Bus  zum  Campingplatz. Dies ist im Fahrpreis von 1500,00 Iskr. enthalten.  Um 18:00 mache ich nach Zeltaufbau mein Abendessen und verziehe  mich in mein Zelt. Vorher stelle ich noch mein Handy  zum  Wecken ein. Das  Wetter ist trübe, aber  es regnet nicht. Erst in der Nacht werde ich durch ein Knistern auf dem Zeltdach mal geweckt.

 

1.8. Reykjavik - Isafjördur

Das Handy weckt mich nicht. Aber ich  werde  auf  Grund  meiner vollen Blase um 4:00 Uhr wach und bin dann auch  gleich  aufgestanden.  Ich  bin  noch  nicht  mal der Erste.  Die  Rückflüge von  Island  sind  recht  früh und  dementsprechend muss man eben raus aus dem Schlafsack. Das Wetter  ist ok – etwa 10°, kein Wind,  bedeckt aber kein Regen. Um 5:20 Uhr laufe ich los und bin nach 65 Minuten am Inlandsflughafen, wo ich  noch einen  Kaffee trinke  und  dazu  ein  süßes  ‚Stückle’ esse.  Der  Flug  nach   Isafjördur,  auch bereits von Deutschland aus gebucht,  dauert 40 Minuten,  ist  ereignislos  und wesentlich billiger als es eine Fahrt mit einem Überlandbus wäre. In Isafjördur stelle ich  mein  Zelt  auf  dem  CP neben  dem   Edda-Hotel   auf  und  mache  noch  nötige  Einkäufe was  gar  nicht  so  einfach  ist,  weil  nämlich Nationalfeiertag ist.  Darunter ist auch der dringend benötigte Spiritus. Die Sonne lugt leicht hervor,  und dadurch kann meine Ausrüstung von der Nachtfeuchte trocknen. Auf dem CP werde ich mit einer gefährlichen Dummheit eines  Vorcampers  konfrontiert.  An  der  Wasser-  und  Kochstelle  stehen  zwei  Fantaflaschen  mit  gelblicher Flüssigkeit drin. Es ist aber kein Fanta sondern Benzin! Ich schreibe  einen  Warnzettel  und  stelle  die  Flaschen ganz weit weg. Ich versuche zu telefonieren.  Über das isländische Festnetz klappt es  mit  ziemlichen  Störungen. Dann versuche ich, mein Handy in Betrieb zu nehmen. Erfolglos – irgendeine  isländische  Frauenstimme erklärt  mir was, das ich  natürlich  nicht  verstehe. Das  Mädchen im Edda-Hotel  kann  mir  auch  nur  sagen,  dass  die Verbindung nicht hergestellt werden kann, aber nicht, warum. Dann fällt mir  ein,  dass  ich  eine  Nachricht  aufs Handy erhalten habe, als ich zum ersten Mal eine Netzsuche durchführte. Die Nachricht besagt,  dass ich *111* Ländervorwahl und Nummer mit anschließendem  ‚ # ‚ - Zeichen eintippen kann, dann würde ich zurückgerufen. Das klappt tatsächlich, und die Verbindung nach Hause ist auch richtig gut.

Am Nachmittag kommen weitere Gäste, u.a. auch ein junges Pärchen – Matteo aus Italien und Christina aus Deutschland. Wir unterhalten uns über unsere Pläne. Die beiden wollen auch in derselben Gegend wie ich wandern. Nur ihr Zeitplan ist etwas verschieden.  Wir wünschen uns  gegenseitig alles Gute und verziehen uns recht früh in die Zelte.

 

2.8. Isafjördur  - Saebol - 14km – Hesteyri - 10km - Adalvik/Latravik   Gehzeit  9h

Ein leises Knistern auf dem Zeltdach weckt mich nachts. Es steigert sich zu einem leichten Trommeln. Es regnet. Nachdem ich an dieser Tatsache nichts ändern kann, drehe ich mich um  und schlafe noch eine Runde. Um 20 vor 6:00 Uhr  hält mich nichts mehr, denn auch die Blase drückt. Es regnet nicht mehr. Draußen erkennt man eine untere zerrissene Wolkendecke, darüber eine Schönwetterbewölkung. Das lässt hoffen. Nach Frühstück und Zeltabbau kaufe ich noch 4 Vollkornbrötchen auf dem Weg zur  Reederei. Hier gebe ich auch meine Tasche mit den Futteralien auf, damit diese nach Hornvik transportiert wird. Ein zu großer Andrang scheint am Boot nicht zu sein. Ich unterhalte mich mit einem deutschen Vater, der mit seinem 12-jährigen Sohn eine große Radtour auf einem Tandemrad unternimmt. Der Vater macht keinen zu glücklichen Eindruck! Der Andrang ist deswegen nicht groß, weil ich vor dem falschen Boot warte. Am richtigen Boot haben sich inzwischen etwa 20 Leute versammelt, und ich geselle mich dazu. Um 9:00 ist Abfahrt und 1,5 Stunden später werden  einige Leute in Saebol, darunter auch ich, im Zodiac angelandet.

Saebol besteht aus einigen Sommerhäuschen von Isländern, und ich mache mich sogleich auf den Weg.  Weg? – Pfad?  nichts! Es geht durch knietiefes Gras, Moos  und niedriges Buschgestrüpp. Zum Teil ist es sehr sumpfig und man sinkt tief ein und aus dieser Tiefe müssen die Füße wieder rausgezogen werden. So geht es km-weit. Nach etwa 4 km hat man einen See passiert, auf dem mehrere Schwanenfamilien schwimmen. Dann zieht sich das Gelände einen Berghang hoch. Am Hang ist das Gelände genauso beschwerlich  und nach weiteren 2 km -  eine Stunde später mache ich an einem kleinen Bach erstmal Mittagspause mit Kaffe und Nasi Goreng. Hier verliere ich meinen Suppenlöffel, was nicht weiter schlimm ist, habe ich doch noch einen kleineren dabei. Es ist sehr warm und ich genieße die Sonne. Nicht genießen kann ich die vielen lästigen Fliegen, die auch beim Gehen um und auf einem rumschwirren. Bei jedem Schritte werden auch hunderte von kleinen grauen Faltern aufgeschreckt! Nach einer Stunde Ruhepause geht’s weiter bergauf, und 60 Minuten später komme ich auf der Hochebene an. Das Panorama besteht aus Tafelbergen und dem blauen Wasser der Fjorde unter mir. Das Gehen fällt jetzt leichter, weil hier oben die Vegetation nicht so hoch ist. Aber dies ändert sich sobald ich wieder in etwas tiefere Gefilde komme. Hier kommt zum hohen Gras und dem dicken Moos noch erschwerend hinzu, dass das Gelände Buckelwiese ist. Irgendwann treffe ich den Pfad,  der parallel zu meinem etwas östlicher nach Hesteyri führt. Der ist nun wieder etwas bequemer, weil schon ziemlich ausgetrampelt.

Im Osten ist der Drangajökull im Sonnenlicht schön zu erkennen, und meine Stimmung ist nicht schlecht. Vom letzten Bergkamm geht’s dann runter Richtung Meeresstrand und gegen 17:00 Uhr nach einer reinen Wanderzeit von 5,5 Stunden erreiche ich den Campingplatz von Hesteyri. Es gibt ein Dreieckshäuschen und kein Wasser. Für mich nicht akzeptabel. Etwa 500 m weiter sind einige Häuser. Eines davon ist ein Gästehaus, das aber voll ist. Ich unterhalte mich mit der Chefin, ob ich eventuell in Hausnähe an einem Bach mein Zelt aufbauen könne, was nach einiger Diskussion auch gewährt wird. Inzwischen ist aus Latravik ein anderer Wanderer vom Schiff angekommen. Ihn frage ich nach den Wegkonditionen und erfahre, dass der Pfad die reinste ‚Autobahn’ sei! Diese Auskunft bewegt mich,  heute noch nach Latravik weiter zu laufen. Denn das Wetter ist schön, und ich habe auf Island gelernt – was du heute bei schönem Wetter erledigen kannst verschiebe nicht auf morgen. Mein Wanderfreund will mich beruhigen, deutet auf sein Barometer am Handgelenk und meint, dass das Wetter keine Anzeichen zeigt, umzuschlagen. Das ist mir aber egal, und ich marschiere wieder los. Der Pfad  ist wirklich sehr gut begehbar und der Anstieg zum Kamm ist auch erträglich. Oben geht es dann relativ eben weiter Richtung Nordwesten mit kleinen leichten Auf- und Abstiegen. Drei km vor Latravik geht es dann nur noch bergab in die große Sandbucht, an deren Ende der Campingplatz liegt. Vorher ist noch eine breite aber nicht sehr tiefe Furt zu queren. Es gibt ein Dreieckshäuschen und eine Schutzhütte, die von einer Gruppe Amerikaner okkupiert ist (obwohl dies eigentlich nicht erlaubt ist). Wasser ist auch vorhanden. Man hat in einen Bach eine Plastikröhre gelegt,  aus der man sein Wasser fassen kann. Das Wetter ist immer noch gut, aber es wird doch durch eine stärkere Brise recht frisch. Zeltaufbau, etwas Trockenes anziehen und  Abendessen kochen  beenden diesen Tag. Für diesen Teil der Strecke habe ich mit einer kleinen Pause 3,5 Stunden gebraucht. Um 22:00 Uhr liege ich in meinem Schlafsack und schlafe recht gut.

 

3.8.  Adalvik/Latravik - 12km - Fljötavatn – 13km - Haelavik   Gehzeit  15h

Um 8:00 bin ich wieder auf der Strecke. Die Wolken hängen tief und es fängt an zu nieseln (soviel zur Barometervorhersage). Nieselregen, Nebel und beschlagene Brille lassen mich den richtigen Aufstieg zur Tunguheidi verpassen. Landschaftsmerkmale sind nicht zu erkennen, und ich laufe wahrscheinlich einen mehr oder weniger großen Kreis. Als ich dies erkenne, mache ich erst mal eine kleine Pause und versuche mich mit Karte, Kompass und GPS neu zu orientieren. Ich stolpere durch wilde Geröllfelder stur nach Norden bis ich 400 m unter mir das Meer rauschen höre, schlage dann einen Haken nach rechts um stur nach Osten weiter zu gehen. Ich treffe den richtigen Pfad und wie der Zufall es will, kommen gerade Matteo und Christina den Pfad herauf. Wir freuen uns alle drei sehr und gehen gemeinsam weiter. Vorher diskutieren wir unser weiteres Vorgehen, und wir sind uns alle drei einig, am Fljötsvatn vorbei weiter Richtung Haelavik zu laufen. Der Pfad ist wieder oder immer noch sehr beschwerlich, aber wenigstens durch große Steinmännchen markiert. Es ist ungefähr 14:00 Uhr, und das Wetter ist immer noch sehr ungemütlich ohne Aussicht auf Besserung. Runter ins Tal ans Seeufer und an die Südspitze des Sees  dauert  3 Stunden. Unten ist  wieder  hohes Gras und Sumpf. Viele kleine Bäche sind zu überwinden. Matteo und Christina resignieren bezüglich ihrer Stiefel und Füße. Sie stapfen jetzt einfach auch durch das knietiefe Wasser wie ich. Mehr Wasser als vorher können sie sowieso nicht mehr fassen!                       Am Seeende steht ein kleines Sommerhaus, sehr schnuckelig, aber privat und verschlossen. Es gibt eine kleine Pause unter dem Dach  und eine kleine Diskussion wie wir weiter machen sollten. Wir sind uns einig, dass es eigentlich nur ein Vorwärts und Durch  geben kann. In diesem Gelände zu zelten wäre absolut nicht attraktiv. Christina meint nach einem Blick auf die Karte, dass Budir/Hlöduvik in zwei Stunden erreicht werden könne. Ich meine: ‚Gib lieber noch ein Stunde zu’. Wir schultern wieder die Rucksäcke. Und jetzt wird es richtig schwer. Auf den Bergkamm des Porleifsskard  kommt man nur durch einen Frontalangriff. Die Höhenlinien auf der Karte liegen  ganz eng beieinander - das bedeutet  streckenweises  Klettern im 2.- 3.Grad und das mit 20 kg auf dem Rücken. Alles ist nass und glitschig. Wo Erde liegt ist es glatt wie Schmierseife. Allein für diese drei km brauchen wir 2 Stunden. Wir werden aufs Äußerste gefordert. Matteo ist großartig. Kurz vor dem Gipfel sieht er mich unter sich keuchen und bietet mir an, meinen Rucksack abzulegen, ohne diesen den Aufstieg zu vollenden, und er würde den Packen dann raufschleppen. Das lehne ich natürlich ab. Denn erstens schaffe ich es auch, wenn auch langsam, und zweitens braucht Matteo seine Kraft selber. Oben angekommen geht es dann fast genauso steil gleich wieder runter. Hier falle ich im wahrsten Sinn des Wortes richtig auf die Nase, schlage mir Stirn, Nase und Wange blutig. Gott sei dank sind Beine, Arme und Schultern ok – Matteo und Christina bekommen den Sturz gar nicht mit – nur später bemerkt sie, dass ich im Gesicht blute. Drei km weiter wiederholt sich das böse Spiel mit klettern und  bergauf auf allen Vieren am Almenningaskard. Hier oben wird es zur Abwechslung wieder sumpfig. Der Wind steht genau gegen uns, und von der Landschaft ist nichts zu erkennen. Aber irgendwann geht alles zu Ende und es kommt der Abstieg ins Tal und am Fjordufer wird das Gehen wieder etwas leichter.  Um Uhr 23:00 sind wir an der Schutzhütte! Wir schlagen kein Zelt auf, sondern  ziehen uns in der Hütte erstmal was Trockenes an und kochen uns etwas Warmes. Wir sind fix und fertig! Bei der Schutzhütte zelten auch noch eine Amerikanerin (Heather) und Martin, mein Barometermann. Sein Barometer zeigt immer noch schönes Wetter an!  Die Hütte hängt voller nasser Klamotten. Wir heizen. Trocknen werden die Sachen nicht, denn in der Hütte hat es bestimmt 95% Luftfeuchtigkeit. Meine Streichhölzer sind total aufgeweicht und zu nichts mehr zu gebrauchen. Matteo schenkt mir ein Feuerzeug, da er eins übrig hat.

 

4.8. Haelavik – 9km - Hornvik  Gehzeit  4h

Als erstes nach dem Frühstück nähe ich meine Wanderhose enger und repariere den Reißverschluss meines Schlafsacks. Die Diskussion ‚Was tun?’ beginnt. Ich bin unschlüssig aber einige der anderen Zelter machen sich auf den Weg Richtung Hornvik, das ja auch mein Ziel ist. Es fängt an zu regnen und zu stürmen und das motiviert uns drei und die Amerikanerin nicht. Wir bleiben. Ich gebe einige Wegpunkte in mein GPS ein und schreibe meinen Bericht für den vergangenen Tag. Durch diesen Ruhetag können die Muskeln etwas regenerieren und die Kleider etwas trocknen. Obwohl meine Karte in einer Plastikhülle steckt, ist sie trotzdem sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Ich klebe sie mit Tapeverband  notdürftig wieder zusammen. Regen und  Sturm halten den ganzen Tag an, aber gegen 17:00 Uhr reißt es auf, der Wind legt sich, und ich packe und marschiere los. Dabei lasse ich meine Tapeverbandsrolle in der Hütte. Matteo und Christina bleiben noch. Nach der Hütte geht es gleich wieder steil bergauf, aber im Vergleich zum Tag davor wird dies heute ein richtiger Spaziergang. Auf der anderen Seite geht’s zwar auch gleich wieder runter aber nicht bis auf Meereshöhe, so dass der nächste Bergrücken an effektiven Höhenmetern nicht viel von mir abfordert. Auch nach diesem Bergrücken ist der Abstieg nicht sehr steil, aber es ist wieder sumpfig und  Gras und Moos sehr hoch und tief. Ich sehe das Boot im Fjord, das hoffentlich mein Fresspaket an Bord hat und in Hornvik anlandet.

Ebenso kann man auf der anderen Seite des Fjords  den Hornbjarg, Islands höchsten Vogelfelsen erkennen. Alle Berge haben eine Wolkenkappe und der leichte Wind webt diese Wolken malerisch über die Felskanten, aber während der ganzen Zeit regnet es nicht, sogar die Sonne lugte manchmal hervor. Kurz vor der Hornvik Schutzhütte wird es noch mal kitzlig. Man muss einen schmalen Pfad an der Kante der Küste entlang hangeln. Ich setze jeden Schritt sehr vorsichtig und bewusst, immer das Gewicht gegen den Hang gerichtet.

                               

 Am Ende  ist sogar ein Seil gespannt, an dem man sich hochziehen muss und auf der anderen Seite des Felsens wieder runterlässt. Nach insgesamt 4 Stunden bin ich am CP und schlage mein Zelt auf. Von Martin ist nichts zu sehen. Ich erfahre, dass er mit dem Boot zurück nach Isafjördur gefahren ist um sich dort einen neuen wasserdichten  Anorak zu kaufen!  Es ist 21:00 Uhr und ich bereite mein Abendessen. Plötzlich ist Bewegung vor dem Zelt. Ich schaue auf und sehe einen jungen Polarfuchs 5m an mir vorbeiziehen und mich neugierig beäugen, 3 Sekunden später kommt ein zweiter und nach weiteren Sekunden ein dritter. Bevor ich aber meine Kamera fertig habe  sind sie schon außer Fotografierweite. Später sehe ich sie  an einem Treibholzstapel spielen. Ich lege mich schlafen. Es beginnt  zu regnen.  Wie gesagt: Man sollte auf Island die Dinge erledigen, wenn das Wetter gut ist und nicht auf Barometer schauen.

 

5.8. Hornvik - 15km - Hornbjarg - und zurück Gehzeit 5h

Um  Uhr 8:00  stehe ich auf. Es ist etwa 10° warm und ab und zu gibt es kleine Schauer. Es ist mir egal. Ich habe den ganzen Tag Zeit, denn ich werde heute in Hornvik bleiben. Ich suche mein Fresspaket, das ja angeliefert werden sollte. In der Schutzhütte ist es nicht. Zwei junge Frauen, die ich frage, teilen mir dann mit, dass es schon seit gestern am Strand liegt! Toll! Ich wäre nie auf die Idee gekommen, es dort zu suchen. Ich hole es. Es ist unversehrt. Die Füchse hat das Paket offensichtlich auch nicht interessiert. Gegen Uhr11:00 besinnt sich das Wetter, und ich mache mich mit Kamera, Regencape und Wasserflasche auf den Weg um die Bucht herum zum Hornbjarg. Es ist ein leichter Spaziergang, besonders ohne den schweren Rucksack. Enttäuschend ist, dass es in der Bucht außer vielen Enten  nur eine Robbe und zwei Kormorane zu sehen gibt. Die Brutpflege ist offensichtlich auch schon vorbei denn in den Felsen gibt es keine Jungmöwen oder Papageientaucher zu sehen.             

Die Steilküste ist sehenswert und auch die Pflanzenarten die von Höhenmeter zu Höhenmeter wechseln. Auf dem Gipfel Horn mache ich eine Rast und sitze in der Sonne und lasse mich von neugierigen Möwen beobachten. Auf dem Rückweg  begegnen mir Matteo, Christina und Heather. Heather ist wohl in der Nacht im Regen auf dem CP angekommen, während die beiden anderen erst heute früh in Haelavik losgelaufen sind. Am Meer  ist Ebbe als ich an der Bucht ankomme. Dies ermöglicht mir eine Abkürzung zu meinem Zelt über den schwarzen Sandstrand. Hier sind interessante Spuren von Füchsen, Vögeln und Pflanzen zu erkennen. Joachim hockt mit seiner 10kg! Fotoausrüstung auch da und wartet auf die richtige Beleuchtung eines Berges. Am Zelt bereite ich mir mein Abendessen.

          

Heute bin ich  vorbereitet – die Kamera  liegt griffbereit,  und  es  dauert gar nicht lange, da  zieht die ganze 5 -köpfige Fuchsfamilie vorbei. Mit diesem Erfolgserlebnis verabschiede ich mich von diesem Tag und gehe schlafen.  

 

6.8. Hornvik - 18km - Sandshorn Gehzeit 11h

Ich stehe um  6:30 auf, frühstücke in aller Ruhe und packe meinen Rucksack um. Das neue Fresspaket muss untergebracht werden, ebenso die dafür benötigte Tasche. Der Rucksack ist gleich wieder deutlich schwerer. Das Wetter scheint uns Wanderern heute freundlich gesonnen zu sein. Meine originale Planung sah vor, dass ich heute bis Furufjördur gehen wollte. Aber die Erfahrungen der letzten Tage hat mir diesen Zahn gründlich gezogen . Außerdem bin ich meiner ganzen Planung  2 Tage voraus. Deshalb werde ich diesen Abschnitt auf 2 Tage verteilen. Um Uhr 8:00 marschiere ich los, nachdem ich mich von Matteo verabschiede. Wir werden uns sicher wieder sehen, denn die beiden haben im Prinzip dieselbe Richtung in ihrer Planung. Über eine ebene Dünenlandschaft, durch den See und wieder Sumpfgelände gehend erreiche ich nach 1 Stunde den Aufstieg zum Kyrskard. Der  Aufstieg geht wieder teilweise auf allen Vieren  auf etwa 450 m hoch. Auf der anderen Seite ist der Abstieg nicht gar so steil, aber es kommt wieder das übliche hatschige tiefe ‚Geläuf’ und / oder Geröllfelder. Ich versuche auf der Höhenlinie  des nächsten Aufstiegs zu bleiben, was mir auch fast gelingt. Unter mir an der Küste steht ein Leuchtturm. Ich laufe parallel zur Küstenlinie gegen Südosten  weiter und gegen Uhr 14:00 mache ich im strahlenden Sonnenschein an einem kleinen Fluss Mittagspause.                                 Ich ziehe Stiefel und Socken aus  und genieße  barfuß das dicke Moos und dichte Gras. Den Füßen tut das richtig gut. Ich beobachte die hinter mir liegende Landschaft, ob ich wohl meine beiden Mitkämpfer  irgendwo entdecke. Aber nichts ist zu sehen. Gegen Uhr 18:00 erreiche ich die Schutzhütte von Sandshorn, nicht, bevor ich nicht wieder einen anstrengenden Bergkamm überwinden muss mit dem anschließenden obligatorischen Sumpfgelände. Die Hütte liegt direkt etwas oberhalb des Meeresufers an einem ausgedehnten Sandstrand. Ich werde die Schutzhütte zum Übernachten  benutzen (obwohl ja nicht erlaubt), aber ich bin ziemlich bedient und beim Wetter sieht es auch aus, als ob es umschlagen könnte. Ein kleines Problem bei der Hütte ist das fehlende Wasserangebot. Ich muss mich etwa 100m entfernt aus einem kleinen Rinnsal bedienen. In der Hütte sind aber ein paar leere Flaschen, die ich als Transportbehälter nutzen kann. Dieses Wasser werde ich aber sorgfältig vor Gebrauch abkochen! Von Matteo und Christina ist weit und breit nichts zu sehen, dafür kommt mich eine Fuchsmutter mit Kleinem besuchen. Sie schnüffeln um die Hütte und suchen Fressbares.  Wildlife!   Von mir gibt es  NIX! In der Hütte gibt es eine kleine Öllampe, die ich anwerfe, nachdem ich  in das Geheimnis der Technik eingedrungen bin. Mit Hilfe dieser Öllampe trockne ich meine feuchten Socken, denn unterwegs habe ich doch mal ‚Wasser gefasst’. Außerdem gibt es einen großen Plastiksack, in dem jede Menge dicke Pullover und Jeans liegen. Bevor ich mich zum Schlafen auf dem Boden  vorbereite, fege ich erst mal allen Dreck hinaus ins Freie. 

 

 

7.8. Sandshorn - 7km - Bolungarvik/Drangsnes - 11km - Hrafnfjördur  Gehzeit 7h

Ich stehe um Uhr 6:00 auf und bin 1 Stunde später wieder auf dem Weg. Zuerst  3km durch tiefes Sumpfgelände, das fast nahtlos in einen sehr steilen Anstieg auf das Skardsfjall auf etwa 400m Höhe  führt.                                                            Von dort geht es wieder durch sumpfige Wiesen  runter an die Küste von Bolungarvik/Drangsnes. Hier  gibt es ein Sommerhaus  mit Isländern und eine große Gästehütte voll mit einer österreichischen ‚Scherpa-truppe’. Ich  unterhalte mich mit der Leiterin, erkundige mich wie wohl der Aufstieg zum Gletscher Drangajökull sei usw.  Sie rät von einem Aufstieg dringend ab. Es hätte dieses Jahr sehr viele Spalten  und es sei einfach zu gefährlich, besonders allein.  Es versteht sowieso keiner, dass jemand sich alleine in diese Gegend wagt. Sie bietet mir einen Kaffee an, den ich nicht ablehne und wünscht mir beim  Abmarsch viel Glück. Jetzt will ich aber noch die Isländer  befragen bevor ich meine endgültige Entscheidung fälle. Wobei es schon fast entschieden ist. Das Wetter zieht zu. Bei den Isländern erfahre ich, dass  Wind (Sturm) und Regen angesagt sind. Vom Gletscheraufstieg, von Furufjördur aus, raten auch sie mir dringend  ab. Außerdem  hätte ich noch 4 Stunden warten müssen, bis ich  bei Ebbe den  Küstenstreifen  hätte  begehen können. Damit  ist ‚ALEA IACTA EST’! Ich wende mich direkt nach Westen, sage der Leiterin der Scherpa-Truppe noch Bescheid und wieder geht es durch Sumpfland Richtung Hrafnfjördur. Am Anfang ist die Beschwerlichkeit  entschärft, da man einer Fahrspur  eines ATV folgen kann. Diese Spur verläuft sich  aber nach etwa 3 km. Dafür sehe links am Hang und etwa 2 km vor mir zwei gelbe Punkte - Matteo und Christina. Der Aufstieg zur Bolungarvikarheidi auf 500 m Höhe  ist stetig  aber nicht sehr steil. Irgendwann  entdecken  Matteo und Christina auch mich und  verlangsamen ihr Tempo bis ich aufgeholt habe. Gemeinsam stapfen wir nun im stärker werdenden Wind und Regen gen Westen. Ich kann und will dem Tempo der beiden nicht folgen und deswegen  wird die Lücke zwischen uns wieder größer. Aber beim Abstieg machen sie den  taktischen Fehler und folgen den Steinmännern. Ich kürze dagegen ab und schlage mich schon ziemlich weit oben nach links über einen noch kleinen Gletscherbach. Später sehe ich , wie die beiden unten am Strand  verzweifelt  einen Übergang suchen. Weit vor den beiden  erreiche ich die Küste und quere die Bucht, da gerade Ebbe ist,  auf direktem Weg zur Hütte. Es ist  15:00 Uhr als wir alle in der Hütte sitzen. Ich werfe wieder eine Petroleumlampe an  und irgendwann läuft auch Heather ein. Auf dem CP ist auch ein Kajakfahrerpärchen aus Dänemark. In einer kleinen Regenpause bauen wir unsere Zelte auf, bleiben aber zum Kochen, Aufwärmen und Trocknen in der Hütte. Da es aussieht, als ob auch für mich die Wanderung hier zu Ende geht, lade ich Christina, Heather und Matteo zum Abendessen ein. Das wird dankbar angenommen und alle sind voll des Lobes über den Geschmack meiner gefriergetrockneten Expeditionsnahrung. Es scheint ihnen wirklich zu schmecken!

 

8.8. Hrafnfjördur - Isafjördur per Schiff    2h

In unserer Bucht hat sich das Wetter leicht gebessert. Man kann die Unterkante des Gletschers sehen – darüber aber eine dichte Wolkendecke. Ich könnte von hier den Gletschereinstieg wagen, aber das Wetter spricht dagegen.           Ich  habe keine Lust, im Nebel 15km über den Gletscher zu gehen. Es ist mir auch zu gefährlich. Im ‚Whiteout’ sind Gletscherspalten einfach nicht rechtzeitig zu erkennen, und als ‚Ötzi’ möchte ich auch nicht enden. Um  9:00  sind die Zelte und Ausrüstung gepackt und wir marschieren alle 1 km weiter, wo uns das Boot, das Heather bestellt hatte, abholen soll. Es kommt und eine halbe Stunde später sitzen wir im Warmen und betrachten die Landschaft von Bord aus. Meine Entscheidung ist goldrichtig. Je weiter wir aus dem Fjord raus fahren, desto besser können wir sehen, dass die Schlechtwetterfront allumfassend ist. Gegen 13:00 Uhr sind wir wieder in der Zivilisation. Am Schiffsbüro picknickt eine 4-köpfige deutsche Familie. Ich grüße und wir kommen ganz kurz ins Gespräch. Beim 2. Blick auf mich bietet mir die Hausfrau einen gefüllten Pfannkuchen an. Ich sage nicht nein und genieße ihn. Ich buche  meinen Rückflug nach Reykjavik um, was ohne Probleme geht. Matteo und Christina laden mich noch zu einem Kaffee ein. Danach verabschieden wir uns. Sie bleiben auf dem Edda-CP während ich zu einem 2. CP, näher am Flugplatz gelegen, laufe. Dort ist es recht ordentlich bis auf die Spülbecken. Leute sind Schweine, und ich verstehe nicht, dass man nicht soweit denkt, dass man ja die Einrichtungen später selber in einem sauberen Zustand vorfinden möchte. Also mache ich erstmal etwas sauber und  verrichte dann meine üblichen Arbeiten. Es gibt hier auch warmes Wasser inklusive Dusche. Es fängt an zu regnen, aber das ist mir  jetzt ziemlich egal. Ich rufe zu Hause an und nach Abendessen und Kaffee geht’s in den Schlafsack. 

 

9.8. Isafjördur – Reykjavik   40Minuten Flug

Nach dem Aufstehen,  Packen  und Frühstücken  stelle ich meinen Restspiritus und meine Dose Brot auf dem CP ab und laufe noch eine halbe Stunde zum Flugplatz. Der Flieger geht pünktlich ab und um 10:00 bin ich wieder in Reykjavik am Busbahnhof, und muss noch eine halbe Stunde warten um den Bus zum CP nach Kevlavik nehmen zu können. Über dem Festland  hängen die Wolken ganz tief und man sieht strichweisen Wolkenbruch. Richtung Meer ist es heller – es ist aber nicht kalt. Ich bin der einzige Fahrgast und der Fahrer unterhält sich die ganze Zeit mit mir. Der CP in Kevlavik ist jetzt woanders als vor 2 Jahren. Der Fahrer fährt mich direkt vor die Haustür. Ich melde mich an und telefoniere dann mit Icelandair wegen eines vorgezogenen Rückflugs. Schock! Ich kann nicht umbuchen. Im englischen Kleingedruckten steht   es so drin.  Im übersetzten deutschen Ticketausdruck gibt es keinen Hinweis darauf! Die Dame am Telefon bietet mir zwei  Optionen. Ein Rückflug am nächsten Tag  per Business-Class  für € 1200,00 oder ein Rundreiseticket. Damit ist gemeint: ein Hinflug nach Deutschland  mit einem Rückflug nach Island! Kosten € 600,00. Ich frage ob sie mich veralbern will mit diesen schlechten Scherzen und lege dann auf.  Nach diesem Schock baue ich erstmal das Zelt auf und hänge einige Sachen zum Trocknen auf, koche mir mein Mittagessen, kaufe im nächsten Supermarkt ein und überlege  was zu tun ist.  Um  15:00 Uhr laufe ich die 3 km zum Flughafen und gehe zum Icelandairschalter. Ich trage noch mal mein Anliegen vor und  verweise auch auf die fehlende Information in der deutschen Ausgabe des Originaltickets. Das scheint sie nachdenklich zu stimmen. Sie prüft als erstes, ob am kommenden Tag überhaupt noch ein Platz frei sei -  es ist einer frei! Dann prüft sie, ob mein Originalflug ausgebucht (überbucht?) ist. Er ist es! Dann macht sie mir das Angebot, für einen Aufpreis von €75  die Umbuchung vorzunehmen.  Ich stimme zu mit den Worten: ‚You make me a happy man!’ Sie verzieht etwas schmerzlich das Gesicht und meint als Antwort: ‚I am not supposed to do that, but I will do it:’ Ich erhalte meine Umbuchung und verlasse  wirklich als glücklicher Mann  den Flughafen. Zurück am CP  wasche ich einige meiner Klamotten, hänge sie zum Trocknen auf und gehe selber ausgiebig unter die Dusche. Am Abend  unterhalte ich mich noch etwas mit einem spanischen Pärchen, das auch auf der Rückreise ist. Ein junger Amerikaner kommt dazu und faselt wie toll es war, Europa in 3 Monaten zu bereisen! Unter anderem erwähnt er, dass er eine Nacht in Paris verbracht hat. Das war dann Frankreich! Über Amsterdam wusste er zu berichten:  ‚Oh man, what a city, ha-ha!’ In Reykjavik war er abends in einer Kneipe! Von seinen anderen Aufenthalten wusste er  gar nichts!   Toll!  Zur Feier des Tages löse ich einen pulverisierten! Wein auf und grinse mir innerlich einen ab. Der Wein hat  nicht geschmeckt, aber das hatte ich eigentlich auch nicht erwartet!

 

 

10.8. Kevlavik  Kuppingen

 

Nach einer schlecht verbrachten Nacht stehe ich um Uhr 3:00 auf. Es nieselt leicht und ich schleppe mein ganzes Zeug in den Aufenthaltsraum, baue dann das Zelt ab und mache mir ein ausgiebiges Frühstück. Der Flug geht zwar erst um Uhr 7:25 ab, aber die Icelandairdame hat mir sehr ans Herz gelegt, mindestens 2 Stunden vor Abflug am Check-In zu sein. Ich bin da! Ich tausche meine Kronen gegen Euro und mache bis zum Abflug  noch ein Nickerchen. Der Flug geht pünktlich ab. Als wir über die Insel abfliegen sieht man von ihr nichts – nur Wolken, dick und grau hängen sie tief, tiefer am tiefsten. In Frankfurt muss ich am Bahnhof eine neue Fahrkarte nach Stuttgart lösen, da meine originale  ja ein festes Datum verzeichnet hat und nicht gilt. Zu guter Letzt hat der ICE wegen Gleisarbeiten Verspätung, und ich muss in Mannheim einen späteren ICE nehmen. Aber das kann mich nun auch nicht mehr erschüttern.  Um  Uhr 17:30  kann ich endlich meine Füße wieder unter meinem Tisch ausstrecken und meiner Frau  vom Abenteuer Hornstrandir berichten.

 

 

Fazit   (sehr subjektiv

Hornstrandir  war für mich der letzte weiße Fleck auf Island. Ich werde nun so schnell die Insel nicht mehr besuchen. Eine Wanderung auf Hornstrandir lohnt  den Aufwand, die Schinderei und die Strapazen nicht. Man läuft eigentlich von Meereshöhe über einen mehr oder weniger hohen, mühsam zu erklimmenden Bergkamm zur benachbarten Küste um von dort den nächsten Bergkamm wieder mühsam zu besteigen, usw. Die Landschaft ist immer gleich. Die Strecken sind durchweg sehr beschwerlich und kraftraubend. Ich schaffte z.B.  nur 2 km/h, deswegen auch die langen Wanderzeiten. Es gibt keine entscheidenden Höhepunkte. Das heißt: hat man einen Fjord gesehen, hat man alle gesehen. Die Flora ist sehenswert und abwechslungsreich. Die Tierwelt ist sehr begrenzt. Ich habe z. B. keinen Wal, Delphin, Adler oder anderen Greifvogel gesehen. Zwei Kormorane und eine Robbe in 8 Tagen sind enttäuschend. Polarfüchse  dagegen sind recht zahlreich und nicht scheu. Ich hatte 14 Filme dabei -5 habe ich verbraucht -  das sagt eigentlich alles. Kritisch  wird es, wenn man sich ernsthaft verletzt. Es waren zwar mehr Leute unterwegs als ich erwartet hatte, aber  wann einer auf dem eigenen Weg entlangkommt steht in den Sternen.

Wenn man Hornstrandir  erleben will, ist es am Besten, dass man sich in einen Fjord fahren lässt, und dort 2 oder 3 Tage vor Ort, ohne beschwerliches Gepäck auf dem Rücken, die Gegend erwandert und  dieses für eine andere Ecke wiederholt.

Die Wanderkarte  ist von Landmaelingar Islands 1:100 000    ISBN  9979-75-017-0